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Die Big Band der Bundeswehr begeisterte mit einem rund zweistündigen Programm in den Fritz-Mannherz-Hallen Reilingen. Der Auftritt verband erstklassigen Big-Band-Sound, beeindruckende Lightshow und kulturelle Vielfalt und feierte zugleich das 100-jährige Bestehen des Musikvereins "Harmonie". Ein mit seinem Gemeindevolk frenetisch um Zugaben rufender Bürgermeister, ein sichtbar stolzer Vorsitzender des gastgebenden Musikvereins und ein begeistertes Publikum waren am vergangenen Mittwoch, dem 27. Mai, in den Fritz-Mannherz-Hallen Ergebnis eines Musikabends, der in der 100-jährigen Geschichte der "Harmonie", die damit auch gefeiert wurde, einen herausragenden Platz finden wird. Grund dieses emotionalen Ausnahmezustands, der sich bereits durch einen Zuhörer-Strom, wie man ihn in dieser Zahl in der Spargelgemeinde nur aus früheren Glanzzeiten der Musikkultur in Erinnerung hat, angekündigt hatte, waren 19 Herren in strahlend weißen Marine-Uniformen, die mit einem rund zweistündigen Programm umfassend überzeugten: Für die Big Band der Bundeswehr war es einer von jährlich 70 Auftritten dieser Art, für Reilingen und seine Bürger ein Hörerlebnis besonderer Klasse. Dafür hatten das Technik-Team der BW und viele zusätzlich helfende Helfer des Musikvereins die Mannherz-Hallen in einen licht- und tontechnisch hochgerüsteten Showroom verwandelt: Während in ihren Anfangszeiten schlicht die Plane eines alten LKW hochgezogen und die Band auf die Pritsche gesetzt wurde, ist im Lauf der Jahre eine gigantische Produktion entstanden; in drei 40-Tonnern hatte die Bundeswehr alles im Handgepäck, was es dazu braucht – auch wenn es nicht das große Geschütz für Open-Air-Veranstaltungen, für die die Truppe nach eigener Darstellung Europas größte Trailerbühne durch die Lande karrt, war: Die Big Band der Bundeswehr hat nicht nur klanglich überzeugt, sondern auch mit einer Lightshow, die es in sich hatte. Überhaupt sind sowohl Bühnenpräsenz als auch Programm verblüffende Mischungen: Die Big Band der Bundeswehr ist nicht nur eine gute Unterhaltungsband in Uniform, sondern einmaliges Kulturphänomen. 1971 reklamierte der damalige Verteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt einen "modernen Sound für eine moderne Armee" – in dem halben Jahrhundert seither ist daraus im Mix aus Militär, Big-Band-Sound, Showgeschäft und Benefiz das Aushängeschild einer Armee geworden, die sich als bürgernah und im Gemeinwesen verortet empfindet. Seit ihrer Gründung spielt die Band ohne Gage und hat so inzwischen über 20 Millionen Euro für den guten Zweck – in Reilingen für die Jugendarbeit des Musikvereins, dessen Vorsitzender Karlheinz Askani ein von der Band handsigniertes Schlagzeugfell des neuen Jugendschlagzeugs präsentierte - eingespielt. Etwas ganz Besonderes hatte der Verein vor Beginn des Konzerts für seinen musikalischen Nachwuchs vorbereitet: Knapp 30 Flöten- und Instrumentalschüler waren mit ihren Eltern der Einladung der Jugendleiterin Corina Hartmann gefolgt, um den kompletten Soundcheck der Big Band der Bundeswehr hautnah und exklusiv mitzuerleben. Zusätzlich gab es noch eine Backstage-Führung vor, hinter und auf der großen Bühne durch Stabsunteroffizier Sommerer, einen Techniker der Big Band. Gemeinsam mit Alexander Hartmann erklärte er, wie ein typischer Tagesablauf während einer Tour aussieht – vom Aufbau am frühen Morgen bis spät in die Nacht. Die drei 40-Tonner machen sich nach dem Konzert direkt auf den Weg zum nächsten Veranstaltungsort, wo das Ganze wieder von vorne beginnt. Die Kinder und ihre Eltern waren beeindruckt davon, wie viel Technik an einem solchen Abend zum Einsatz kommt, und freuten sich riesig darüber, auch einmal die große Bühne betreten zu dürfen. Seit September letzten Jahres garantiert Oberstleutnant Tobias Terhardt als Bandleader für den außergewöhnlichen Spagat zwischen Showact und Staatsrepräsentation. Terhardt, ist selbst ein außergewöhnlicher Musiker: Der 45-Jährige begann als Pianist, gewann mehrfach bei „Jugend musiziert“, machte ein C-Examen als Kirchenmusiker in Orgel und Klavier, studierte Schulmusik und Dirigieren und war später unter anderem am Aufbau des afghanischen Militärmusikdienstes in Kabul beteiligt; er ist der achte Bandleader und der erste, der eine eigene Vorbereitungszeit in den USA bei einem Assistenten des unvergesslichen Sammy Nestico absolvierte. Damit trifft er bei der BBdBW auf eine perfekte Formation: Der einzigartige Sound wird ausschließlich von studierten Musikern geprägt, die der programmatischen Dramaturgie Leben einhauchen. Die erschöpft sich nicht in altbekannten Mitsumm-Nummern, sondern setzt auf teils skurrile Aha-Effekte. Mit ausgefallenen Arrangements wie dem des im vergangenen Jahr verstorbenen vierfachen Grammy-Gewinners Gordon Goodwin zum Titelsong aus dem Disney-Streifen „Die Schöne und das Biest“ schaffen die Musiker eine Spannung, die es in sich hat: Das Publikum lauschte bei diesem Popsong in ganz anderem Gewand förmlich auf die bekannten Melodiefragmente und wurde gefesselt von der großen Kunst, weltbekannte Melodien nicht zu verstecken, sondern in gewandeltem Charakter aufzunehmen zu etwas ganz Neuem, das gleichzeitig vertraute Gefühle weckt. Zwischen dem bandeigenen Opener "Eight PM" und dem Schluss-Medley, das "Ohne Dich" der "Münchner Freiheit" mit Mark Forsters "Chöre" und Udo Lindenbergs und Apache 207s "Komet" verband und damit eine musikalische Zeitreise durch die Bandgeschichte hörbar machte, präsentierte die BBdBW in diesem Stil Titel, die keiner erwarten konnte: "Strike Up the Band" von George Gershwin, das ursprünglich den militärisch-industriellen Komplex karikierte, "Deborah’s Theme", mit dem Stefano Di Battista Ennio Morricones berühmteste Filmmelodie verarbeitete und mit dem die Big Band aus dem Entertainment-Modus heraus in filmische Melancholie wechselte, um später mit "Funky T." von Torsten Maaß ein Stück eines aktiven Big-Band-Insiders gegen verstaubte Standards zu setzen. Für den herausragenden Big-Band-Sound, der geliefert wurde, garantieren die 18 Bandmitglieder, jeder einzelne mit ganz besonderen Talenten beschenkt wie zahlreiche Soli attestierten. Dass mit dem Trompeter Alexander Hartmann dabei nicht nur ein Reilinger, sondern seit dem Jahreswechsel auch der Dirigent des Musikvereins brillierte, ist bemerkenswert: Mit seinem klaren, grundständigen Ton, der besonderen Swing atmet, begeisterte der 45-Jährige unter anderem mit "Happy" - einem aus Frustration und Ironie heraus entstandenen globalen Optimismus-Hit Pharrell Williams. Christian Mücks strahlender Trompetenklang zu Markus Ringers Corona-Hoffnungs-Song "Believe in You" garantierte nicht nur Gänsehaut, sondern präsentierte die BBdBW als Klangkörper, der auch angesichts von Ukraine- und Iran-Krieg Friedenshoffnung verbreitet: tröstend und zivilgesellschaftlich. Nicht zu vergessen, die drei Stimmen, die immer wieder im Programm aufblitzten: Der selbst aus portugiesischen Wurzeln stammende Marco Matias gab unter anderem Ivan Lins "Madalena" mit weicher Stimme, die aber das lateinamerikanische Feuer perfekt transportierte, die in Südafrika geborene Bonita Niessen, die vom Au-pair in Deutschland zur Fernseh- und Festivalstimme mit internationalem Umfeld avancierte, präsentierte das eigentlich 1973 von Stevie Wonder geschriebenen "Don't You Worry 'bout a Thing", das 2016 durch den Film "Sing" breite Bekanntheit erlangte, in einer perfekten Transkription der Verbindung aus Soul, Latin und Jazz und die gebürtige Schwedin Sofia Andersson gab mit dem zum Emblem für Star-Attitüde und Selbstbehauptung gewordenen Streisand-Musical-Hit "Don't Rain on My Parade" eine perfekte Parade – bespielte sie doch mit "Gaga Glamorous" eine eigene Lady-Gaga-inspirierte Show. Als die eingeforderte letzte Zugabe mit der hymnischen "Freiheit" von Marius Müller-Westernhagen erklang, gab es stehende Ovationen des lautstark mitsingenden Publikums für einen perfekten Musikabend mit großartigen Solisten und einer einzigartigen Band.
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